Großflächige Farb- und Formwelten mit einer sanften Einladung an den Betrachter. Die Werke von Jochen Ulmer begeistern nicht durch Lautstärke, sondern durch innere Spannungen. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Zeit und die Bereitschaft, sich auf eine Reise der Entdeckung zu begeben.
30 Jahre Künstlerleben: Stille als Entscheidung
Jochen Ulmer braucht sie wie die Luft zum Atmen: Die Kunst. Hunderte Werke sind bereits im Laufe seines Lebens entstanden. Und der Blick auf ältere Arbeiten offenbart für Ulmer eine deutliche Entwicklung. Frühe Werke erscheinen ihm heute suchend, tastend, vorsichtig. Formen verhandeln ihre Existenz, Farben treten in leisen Dialog. Die aktuellen Arbeiten dagegen sind klarer, riskanter, irreversibler. Linien schneiden, widersprechen, markieren. Während frühe Werke eine sanfte Zeitlosigkeit tragen, zeigen die heutigen Bilder ihre Zeit offen. Übermalungen und Korrekturen sind nicht versteckt, sondern Teil der Aussage. Stille ist nicht mehr Ergebnis von Zurückhaltung, sondern bewusste Entscheidung. „Früher habe ich in das Bild hineingehört“, fasst Ulmer zusammen, „heute traue ich dem Bild zu, für sich zu sprechen.“

Wann ein Bild aufhört zu verlangen
Damit aus Farben, Formen, Linien und Ideen Kunst entstehen kann, braucht es jede Menge Zutaten. Doch mindestens genauso wichtig ist neben dem Beginn der Entstehung auch das Ende. Ulmer beschreibt den Moment, in dem ein Werk für ihn „fertig“ ist, nicht technisch, sondern existenziell. Malerei ist für ihn eine Reise mit offenem Ausgang. Zwar gibt es einen Plan – Komposition, Farbpalette, Grundstruktur –, doch entscheidend wird der Prozess dort, wo Ungeplantes eintritt. „Es gibt einen Moment, in dem das Bild nicht mehr nach einer Entscheidung verlangt, sondern selbst Entscheidungen zurückweist“, sagt Ulmer. „Ab diesem Punkt verteidigt das Bild seinen Zustand – es hat eine eigene Präsenz entwickelt.“ Dieses Loslassen ist zentral für seine Arbeitsweise. Jeder weitere Eingriff, so Ulmer, würde das Bild nicht vertiefen, sondern glätten oder erklären. Fertig ist ein Werk dann, wenn es Zeit aushält: Wenn es auch nach Tagen keine neue Forderung stellt, keine Korrektur einfordert. Das Bild hat sich emanzipiert – frühere Schichten müssen nicht mehr sichtbar gemacht werden, um zu existieren. Sie sind da, spürbar, aber nicht erklärbar.

Fehler als Öffnung, nicht als Makel
Neben dem Umgang mit Anfang und Ende des eigenen Werkes, beschäftigt sich Ulmer unter anderem auch mit den „Fehlern“. Dieses Verhältnis hat sich im Laufe der Jahre grundlegend verändert. Frühere Arbeiten waren von dem Wunsch geprägt, Fehlstellen zu tilgen – Bilder wurden übermalt, neu begonnen, ihre Geschichte scheinbar ausgelöscht. Doch mit wachsender Erfahrung entstand eine andere Sensibilität: Auch übermalte Bilder behalten ihre Vergangenheit. Sie schimmert durch, widersetzt sich der Auslöschung. Heute liest Ulmer Fehler nicht mehr als Mängel, sondern als alternative Möglichkeiten. „Die besten Bilder entstehen nicht trotz der Fehler, sondern durch sie“, sagt er. Fehler sind Brüche mit der ursprünglichen Absicht – und genau darin liegt ihre Wahrheit. Sie öffnen neue Wege, führen zu Tiefe, Risiko und Verletzlichkeit. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen dem Fehler gegenüber dem eigenen Plan und der Wahrheit des entstehenden Werks. Wer jeden Bruch auslöscht, so Ulmer, verwehrt dem Bild seine Erfahrung.

Entscheidungen als Spuren von Zeit
Was geblieben ist, ist das Verständnis der Kunst. In Ulmers Malerei lassen sich Entscheidungen nicht isolieren. Sie erscheinen nicht als klar identifizierbare Akte, sondern als zeitliche Spuren. Analytische, impulsive und zeitverzögerte Entscheidungen existieren gleichzeitig und überlagern sich – ähnlich wie Erinnerungen selbst. Analytische Entscheidungen zeigen sich in der Struktur: in Rhythmen, in kontrollierten Farbbeziehungen, in Linien, die bewusst gesetzt sind, auch wenn sie spontan wirken. Impulsive Entscheidungen dagegen äußern sich in plötzlichen Verdichtungen, Richtungswechseln, energischen Setzungen. Sie sind nicht chaotisch, sondern unmittelbar – eingebettet in das Ganze. Besonders wichtig ist für Ulmer der zeitverzögerte Zugriff. Übermalungen, Abschwächungen und Verschiebungen dienen nicht der Korrektur, sondern dem Dialog. Viele Impulse für Ulmers Arbeiten entstehen außerhalb des Ateliers. Als leidenschaftlicher Wanderer sammelt er Eindrücke von Landschaften, Lichtstimmungen und Farbräumen. Skizzen und Notizen halten Fragmente fest, die später in der Malerei transformiert werden. Die Farben sind nicht zufällig, sondern tragen emotionale Zustände, die in der Natur erfahren wurden. Gearbeitet wird häufig abends und nachts, wenn die Welt stiller wird. Dann beginnt das langsame Schichten von Farbe, begleitet von Konzentration und Zeit. Malerei ist hier kein Ausdruck spontaner Geste, sondern ein verdichteter Prozess.

Malerei als Einladung
Ulmers Werk verlangt Zeit – und schenkt sie zugleich zurück. Die Bilder geben keine Antworten vor, sie stellen Topografien bereit. Das ist über die Jahre so geblieben. Wege entstehen erst im Blick der Betrachter, gespeist aus eigenen Erinnerungen, Erfahrungen und Assoziationen. In einer Epoche der Beschleunigung liegt darin ihre besondere Kraft: Sie laden ein, stehen zu bleiben. Nicht um zu verstehen, sondern um zu erinnern.
Weitere Informationen unter:
www.ulmerart.com/



















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