Gerti Landwehr erschafft ausdrucksstarke Porträts, die weit mehr sind als bloße Abbilder. Mit kraftvollen Farben, vielschichtigen Schichten und intensiven Blicken eröffnet sie emotionale Resonanzräume, in denen Stärke, Verletzlichkeit und menschliche Präsenz spürbar werden.

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Redaktion

Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?

Zeichnen war für mich immer die selbstverständlichste Form, mich auszudrücken. Während andere Worte suchten, habe ich Bilder gemalt. Deshalb führte mich mein Weg zunächst in die Gestaltung: Nach der Grafik-Design-Akademie in Stuttgart arbeitete ich viele Jahre als Artdirektorin in Werbeagenturen. Dort lernte ich Präzision, visuelles Denken und auch, mich mit meinen eigenen Ideen zu behaupten. Anfangs stießen meine Vorstellungen oft auf Unverständnis, doch irgendwann begannen meine Arbeiten für sich selbst zu sprechen. Im Jahr 2013 machte ich mich selbstständig als Grafikdesignerin und schuf mir gleichzeitig bewusst mehr Raum für die Malerei. Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch mit einem meiner ersten Porträts. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment: Der Blick dieses Gesichts ließ mich nicht mehr los. Es war ein stiller, fast intimer Dialog. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass das Bild zurückschaut – nicht nur betrachtet wird, sondern selbst etwas auslöst. Diese Begegnung hat mich tief berührt. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich nicht unbedingt: „Ich werde Künstlerin.“ Aber ich wusste ganz sicher, dass ich genau diese Blicke malen möchte – Blicke, die einen festhalten, berühren und etwas Unsagbares transportieren. Mich fasziniert dieser kurze Moment echter Nähe, in dem ein Gesicht plötzlich mehr wird als ein Abbild und eine stille emotionale Verbindung entsteht. Genau diesen Raum versuche ich seitdem in meinen Arbeiten sichtbar zu machen.


Welcher ist Ihr noch lebender, Lieblingskünstler?

Mich fasziniert besonders die Arbeit von Jenny Saville. Ihre Ausstellung im Palazzo Ca’ Pesaro – Galleria Internazionale d’Arte Moderna in Venedig hat mich tief beeindruckt. Vor ihren großformatigen Werken zu stehen, war fast körperlich spürbar. Diese Bilder besitzen eine enorme Präsenz und wirken beinahe lebendig. Was mich an ihrer Kunst besonders berührt, ist die Spannung zwischen Schönheit und Irritation. Ihre Porträts sind roh, verletzlich und gleichzeitig von großer malerischer Kraft. Genau diese Ambivalenz fasziniert mich – dass ein Bild zugleich anziehend und verstörend wirken kann und dadurch emotional so viel Tiefe bekommt. Besonders bewundere ich ihr technisches und handwerkliches Können. Für mich ist das ein wesentlicher Bestandteil von Kunst: Emotion nicht nur darzustellen, sondern malerisch erfahrbar zu machen.

"Wenn wir stumme Signale begreifen, verändern sich Begegnungen im Privaten wie im Öffentlichen."

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit beim Betrachter hervorrufen?

Mit meiner Arbeit möchte ich vor allem emotionale Resonanz auslösen. Mich interessiert weniger das reine Abbild eines Gesichts als das, was zwischen Bild und Betrachter entsteht. Wenn jemand vor einem Porträt stehen bleibt und das Gefühl hat, der Blick würde ihn auf stille Weise erreichen, dann ist genau das der Moment, nach dem ich suche. Meine Arbeiten sollen Raum öffnen – für eigene Gedanken, Erinnerungen und Gefühle. Die Portraits erzählen keine eindeutigen Geschichten, sondern schaffen eine Atmosphäre, in der der Betrachter sich selbst begegnen kann. Mich fasziniert dieser stille Dialog, der entsteht, wenn ein Gesicht nicht nur betrachtet wird, sondern emotional zurückwirkt. Dabei spielt für mich die Spannung zwischen Stärke und Verletzlichkeit eine große Rolle. Ich arbeite mit kraftvollen Farben, expressiven Spuren und bewussten Brüchen, suche aber gleichzeitig immer Sensibilität und Nähe im Ausdruck. Im besten Fall entschleunigen meine Arbeiten den Blick und laden dazu ein, jene feinen nonverbalen Nuancen wahrzunehmen, die zwischen Menschen oft stärker wirken als Worte.


Was ist die interessanteste Interpretation, die Sie von Ihrer Arbeit gehört haben?

Die interessantesten Reaktionen auf meine Arbeiten entstehen für mich dann, wenn Betrachter beginnen, in den Portraits mehr zu sehen als ein gemaltes Gesicht. Menschen erzählen mir häufig, dass sie das Gefühl haben, den Bildern wohne eine eigene Präsenz inne – als würden Persönlichkeit, Energie oder innere Zustände spürbar werden, obwohl die Werke keiner konkreten Person zugeordnet sind. Genau dort beginnt für mich die eigentliche Kraft eines Porträts: wenn es sich vom bloßen Abbild löst und zu einem emotionalen Resonanzraum wird. Besonders berührt mich, wenn Menschen beschreiben, dass sie von einem Bild regelrecht „eingefangen“ werden. Dass sie davor stehen bleiben, ruhiger werden und eine stille Verbindung entsteht. Viele meiner Arbeiten bekommen von ihren Käufern sogar eigene Namen oder Kosenamen. Das zeigt mir, dass die Porträts mehr werden als ein Kunstwerk an der Wand – sie entwickeln eine eigene Präsenz im Raum. Genau diese Offenheit ist mir wichtig. Meine Arbeiten sollen nichts festlegen, sondern Raum für Projektion, Erinnerung und persönliche Resonanz schaffen.

"Ich male Blicke, die zurückreden."

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeiten?

Inspiration entsteht für mich weniger aus einem einzelnen Motiv als aus Atmosphäre, Bewegung und Begegnung. Besonders Städtereisen inspirieren mich – das quirlige Treiben in Cafés, Menschen in Einkaufsstraßen oder flüchtige Gesten im Vorübergehen. Oft sind es eher Stimmungen und Eindrücke, die sich unbewusst in mir festsetzen und später in meinen Arbeiten wieder auftauchen. Auch Museums- und Ausstellungsbesuche prägen meinen Blick stark. Mich interessiert, wie Künstler Präsenz erzeugen – durch Farbe, Materialität, Maßstab oder einen bestimmten Pinselduktus. Diese Erfahrungen beeinflussen meine eigene Arbeit immer wieder neu. Die Natur hat einen großen Einfluss auf meine Farbwelt. Oft merke ich erst im Nachhinein, wie stark Licht, Jahreszeiten und Landschaften meine Arbeiten prägen. Im Sommer entstehen häufig kräftigere, leuchtende Töne, während im Herbst eher erdige und gebrochene Farben in die Bilder einfließen. Auch mein Atelier steht durch die großen Glasfronten ständig im Austausch mit der Außenwelt. Dieses Zusammenspiel aus wechselndem Licht, Natur und Atmosphäre prägt die Stimmung meiner Arbeiten spürbar mit.



Was ist das Beste daran Künstler zu sein?

Das Schönste daran, Künstlerin zu sein, ist für mich die Möglichkeit, etwas zu erschaffen, das es vorher noch nicht gab. Ein Bild beginnt immer als Idee, Gefühl oder innere Spannung – und irgendwann entsteht daraus etwas Sichtbares, Eigenständiges und Lebendiges. Dieser Prozess fasziniert mich bis heute. Gleichzeitig empfinde ich es als großes Privileg, genau das tun zu können, was ich wirklich liebe und was ich inhaltlich vorantreiben möchte. Kunst bedeutet für mich Freiheit – aber nicht im Sinne von Beliebigkeit. Viele stellen sich den Künstlerberuf sehr frei und spontan vor, doch tatsächlich verlangt er viel Disziplin, Struktur und Eigenverantwortung. Neben der Malerei gehören auch Organisation, Ausstellungen, Galeriearbeit, Akquise und viele administrative Aufgaben zum Alltag. Man muss sich selbst führen können, Entscheidungen treffen und eine klare Struktur schaffen. Gerade darin liegt aber auch wieder etwas sehr Schönes: die Möglichkeit, den eigenen Weg selbst zu gestalten und unabhängig eigene Ideen zu entwickeln. Diese Verbindung aus kreativer Freiheit und unternehmerischer Verantwortung empfinde ich als sehr erfüllend. Am meisten bedeutet mir jedoch der Moment, in dem Menschen mit meiner Kunst in Resonanz treten. Wenn ein Bild jemanden berührt, Ruhe auslöst oder vielleicht sogar den Blick auf etwas verändert, dann spüre ich, warum ich diesen Weg gehe. Kunst kann keine Weltprobleme lösen, aber sie kann Menschen emotional erreichen – und genau darin liegt für mich ihre besondere Kraft.

Können Sie Ihre Techniken und Ihren künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?

Mein künstlerischer Prozess beginnt meist mit einer Stimmung oder einem Blick, der etwas in mir auslöst. Solche Eindrücke sammeln sich intuitiv und verdichten sich nach und nach zu einem inneren Bild. Im Atelier arbeite ich zunächst mit Grafit auf der Leinwand. Ausdruck, Proportionen und Bildspannung korrigiere ich, bis alles stimmig ist und die Farbe den eigentlichen Prozess übernimmt. Meine Malerei lebt von Schichtung und Gegensätzen. Ich arbeite mit Pinseln, Spachteln, Gummischabern und lasierenden Farbaufträgen, übermale bewusst und lasse frühere Schichten sichtbar stehen. Dadurch entstehen Tiefe, Spannung und eine gewisse Lebendigkeit im Bild. Schwarz verwende ich kaum; dunkle Töne entwickeln sich aus vielen übereinanderliegenden Farbschichten, wodurch die Arbeiten weicher und atmosphärischer wirken. Besonders wichtig ist mir die Spannung zwischen Kontrolle und Intuition. Manche Pinselzüge entstehen sehr bewusst und präzise, andere schnell und impulsiv. Aus der Nähe wirken viele Bereiche abstrakt, roh oder fragmentiert, erst mit Abstand verdichtet sich alles zu einem Gesicht und einer emotionalen Präsenz. Genau dieses Wechselspiel interessiert mich. Farbe spielt dabei eine zentrale Rolle. Ich arbeite oft mit ungewöhnlichen Farbkombinationen und starken Kontrasten, die im Bild dennoch eine eigene Harmonie entwickeln. Viele Farbentscheidungen entstehen intuitiv und werden stark von Licht, Natur und Jahreszeiten beeinflusst.


Was war Ihr überraschendster Moment ihrer bisherigen Kunstkarriere?

Der überraschendste Moment meiner bisherigen künstlerischen Laufbahn war wahrscheinlich die Erkenntnis, dass Malerei tatsächlich eine so unmittelbare emotionale Wirkung haben kann. Als ich begonnen habe zu malen, war das zunächst ein sehr persönlicher und intuitiver Prozess. Ich wollte Stimmungen und dieses schwer greifbare Gefühl von Präsenz sichtbar machen, ohne genau zu wissen, ob und wie das beim Betrachter ankommt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Menschen oft sehr intensiv und emotional auf die Arbeiten reagieren – manchmal auf eine Weise, die sie selbst kaum erklären können. Genau das hat mich überrascht und gleichzeitig tief berührt. In solchen Momenten wird mir bewusst, dass Kunst tatsächlich etwas Unsichtbares transportieren kann. Dass Malerei mehr sein kann als ein Kunstwerk – nämlich eine echte emotionale Begegnung. Und genau das empfinde ich bis heute als das Überraschendste und Schönste an meinem Weg.

EYES ON YOU 70 x 70 cm


Welche Anschauung haben Sie auf unsere Welt und ihre Gesellschaft?

Wir leben in einer Zeit, in der wir permanent von Eindrücken, Informationen und digitalen Reizen überflutet werden. Durch soziale Medien und die ständige Präsenz von Smartphones richtet sich unsere Aufmerksamkeit immer häufiger auf Bildschirme statt auf die Menschen direkt vor uns. Vieles wird schneller, oberflächlicher und sofort bewertet. Dabei gehen oft genau jene leisen, nonverbalen Zwischentöne verloren, die echte Begegnungen eigentlich ausmachen. Mich beschäftigt diese Entwicklung sehr, weil ich glaube, dass wir das bewusste Wahrnehmen immer mehr verlernen – sowohl uns selbst als auch unser Gegenüber. Ein Blick, eine kleine Veränderung im Ausdruck oder eine bestimmte Energie im Raum sagen oft mehr als Worte. Genau dort setzt meine Arbeit an. Mit meinen Porträts möchte ich einen Gegenpol schaffen – einen Moment der Verlangsamung und Aufmerksamkeit. Die Bilder sollen dazu einladen, wirklich hinzusehen und sich auf diese stille Form der Kommunikation einzulassen. Mich interessiert weniger das Offensichtliche als das, was zwischen Menschen spürbar wird, ohne ausgesprochen zu werden. Ich glaube, Kunst kann uns daran erinnern, wie wichtig Präsenz und echtes Wahrnehmen sind. Nicht als laute Botschaft, sondern als leise Erfahrung, die etwas im Inneren bewegt.

Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?

Am meisten fasziniert mich am kreativen Prozess dieser besondere Moment, in dem ein Bild plötzlich beginnt, lebendig zu werden. Malen ist für mich ein sehr intensiver Zustand – ich brauche dabei Ruhe, bin hoch konzentriert und emotional stark mit der Arbeit verbunden. Jedes Bild durchläuft dabei seine eigenen Höhen und Tiefen. Es gibt Phasen voller Unsicherheit, in denen ich vieles hinterfrage, Entscheidungen schwerfallen und das Gefühl entsteht, nicht weiterzukommen. Der Prozess kann dann langsam und fast zäh wirken. Früher haben mich diese Momente oft verunsichert, heute weiß ich, dass sie ein wichtiger Teil der Arbeit sind. Gerade in diesen Phasen entsteht häufig die Tiefe eines Bildes. Und dann gibt es diese Momente, in denen plötzlich alles zusammenfindet. Der Ausdruck wird klar, die Malerei bekommt Leichtigkeit und das Bild beginnt förmlich von selbst zu funktionieren. Diese Energie liebe ich am meisten – wenn aus Spannung und Zweifel etwas Lebendiges entsteht. Mittlerweile habe ich verstanden, dass genau dieses Wechselspiel den kreativen Prozess ausmacht. Kein Bild funktioniert nach einem festen Schema, jedes fordert etwas Neues von mir. Genau darin liegt für mich die eigentliche Schönheit der Kunst: in der ständigen Herausforderung und darin, sich immer wieder neu auf einen offenen Prozess einzulassen.

LIVING COLORS 160 x 120 cm

Was sind Ihre nächsten Projekte, Ideen und Ausstellungen. Wo kann man Sie und Ihre Kunst zeitnah sehen?

Aktuell beschäftige ich mich intensiv mit einem neuen Format: extremen Querformaten von bis zu drei Metern Breite. Diese Arbeiten eröffnen mir eine völlig neue Art des Malens – körperlicher, freier und noch unmittelbarer in der Bewegung. Dafür arbeite ich teilweise mit neuen Werkzeugen und riesigen Pinseln, was den gesamten Prozess verändert und unglaublich spannend macht. Mich reizt dabei besonders die Herausforderung, Präsenz und emotionale Spannung in dieser Größe und Weite neu zu denken. Diesen experimentellen Ansatz möchte ich in den kommenden Monaten weiter vertiefen und sehen, wohin mich diese neue Bildsprache führt. Parallel dazu ist für Mitte beziehungsweise Ende des Jahres eine Einzelausstellung in Planung. Dafür ist es aktuell noch etwas zu früh, um konkrete Details zu nennen, aber ich freue mich sehr auf dieses Projekt. Ein nächster öffentlicher Termin ist die ARTMUC im Oktober in München, auf der aktuelle Arbeiten von mir zu sehen sein werden.

Weitere Informationen über Gerti Landwehr unter:

www.gerti-landwehr.at

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