Dörte Monsees verbindet Körper, Bewegung und innere Ausrichtung zu einer kraftvollen Bildsprache. Zwischen Abstraktion und Figur entstehen Werke über Standfestigkeit, Verletzlichkeit, Selbstbestimmung und die Frage, wie wir Haltung bewahren, wenn das Gleichgewicht ins Wanken gerät.

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Redaktion

Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?

Die Verbindung zur Kunst war früh da – über den Körper, über Bewegung, über Ausdruck.
Sehr prägend war meine Zeit im Bremer Theater bei Hans Kresnik, unter anderem bei „Bilder des Ruhms“. Ich habe dort als Kind und Jugendliche erlebt, mit welcher Konsequenz und Haltung er gearbeitet hat – klar in der Ausrichtung und gleichzeitig offen im Prozess.
Später habe ich bei einer Fernsehproduktion zum 60. Geburtstag von Loriot eine andere, ebenso beeindruckende Form von Arbeit kennengelernt: eine enorme Präzision, ein genaues Wissen, wo etwas hinführt, und dennoch Raum für das, was im Moment entsteht.
Diese beiden Erfahrungen haben mein Verständnis von Kunst stark geprägt. Ich habe dort verstanden, dass Kunst nicht nur Ausdruck ist, sondern Haltung und Entscheidung – und dass sie etwas bewirken kann. Der Entschluss, diesen Weg selbst zu gehen, kam später, aber diese Erlebnisse waren entscheidend.

Welcher ist Ihr noch lebender, Lieblingskünstler?

Ein Künstler, den ich sehr schätze, ist Anselm Kiefer. Mich beeindruckt, wie er mit Material arbeitet – diese Schichtungen, diese körperliche Präsenz, die seine Bilder haben. Seine Arbeiten bewegen sich oft zwischen Schwere und Weite, zwischen Verdichtung und offenem Raum. Genau dieses Spannungsfeld interessiert mich auch. Was mich besonders anspricht, ist, dass seine Bilder nicht glatt sind, sondern Widerstand haben. Sie tragen Spuren, Brüche, Geschichte. Die Konsequenz im Material und im Ausdruck hat mich beeinflusst, aber nicht im Sinne von Nachahmung, sondern eher in der Haltung: Schichten und Brüche entstehen zu lassen und dem Bild seine eigene Präsenz zu geben.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit beim Betrachter hervorrufen?

Es geht mir darum, dass Menschen aus dem automatischen Reagieren herauskommen und für einen Moment bewusster wahrnehmen – sich selbst, ihren Körper, ihre Haltung. Bei meinen Arbeiten mit den Frauensilhouetten habe ich mehrfach die Rückmeldung bekommen, dass Menschen sich beim Betrachten unbewusst aufrichten, ihre eigene Haltung verändern. Das finde ich interessant, weil genau das zeigt, dass die Arbeit nicht nur gesehen, sondern körperlich erlebt wird. Für mich ist das entscheidend: dass etwas in Resonanz geht, nicht nur im Kopf, sondern im Körper. Erfolg messe ich deshalb nicht nur daran, ob ein Werk gefällt, sondern ob es etwas auslöst – eine Verschiebung, ein Innehalten, einen Moment von Klarheit.


Was ist die interessanteste Interpretation, die Sie von Ihrer Arbeit gehört haben?

Eine der interessantesten Rückmeldungen war tatsächlich keine klassische Interpretation, sondern eine körperliche Reaktion. Bei meinen Frauensilhouetten hat mir jemand gesagt: „Wenn ich davor stehe, richte ich mich automatisch auf.“ Das hat mich überrascht, weil es zeigt, dass die Arbeit nicht nur gelesen wird, sondern direkt auf den Körper wirkt. Eine andere Rückmeldung war, dass die Bilder gleichzeitig Halt und Unsicherheit auslösen – als würde man sich ausrichten und gleichzeitig merken, dass nichts wirklich fest ist. Diese Gleichzeitigkeit fand ich sehr treffend. Solche Reaktionen haben mein eigenes Verständnis eher bestätigt als verändert. Sie zeigen, dass meine Arbeiten offen genug sind, um unterschiedliche Erfahrungen zuzulassen, ohne beliebig zu werden.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeiten?

Mich inspiriert konkret mein eigener Körperzustand und reale Situationen, nicht abstrakte Ideen. Wenn ich arbeite, frage ich: Wie stehe ich gerade? Wo ist Spannung, wo ist Widerstand? Landschaft prägt das direkt: In den Bergen habe ich dieses klare Ausrichten, dieses „ich muss hier stehen, sonst kippe ich“. Im Norden dagegen die Weite, der Horizont, das Offene. Genau diese Gegensätze tauchen in meinen Bildern wieder auf – als heller, offener Raum, der auf eine verdichtete, schwere Zone trifft. Ich arbeite das nicht theoretisch aus, sondern baue es konkret über Schichten auf: selbst angemischte Strukturen, mehrere Ebenen, teilweise mit Spachtel, Rollen oder Händen. Vieles verschwindet wieder unter der Oberfläche, bleibt aber wirksam und erzeugt Tiefe. Musik nutze ich gezielt, um in Bewegung zu kommen – eher treibend, damit ich nicht ins Zögern komme. Wenn ich blockiert bin, warte ich nicht. Ich gehe raus, bewege mich, komme zurück und setze trotzdem eine Spur, auch wenn sie nicht „richtig“ ist. Von da aus arbeite ich weiter.

Was ist das Beste daran Künstler zu sein?

Das Beste daran, Künstlerin zu sein, ist für mich die Freiheit, eine eigene Haltung zu entwickeln und sichtbar zu machen. Ich kann Entscheidungen treffen, die nicht vorgegeben sind, und Themen verfolgen, die mich wirklich betreffen. Freude entsteht vor allem im Prozess – in dem Moment, in dem etwas kippt, sich verdichtet oder plötzlich klar wird. Und genauso wichtig ist der Moment beim Gegenüber: wenn Menschen vor einem Bild stehen, innehalten, etwas spüren, sich vielleicht sogar körperlich verändern. Dieses Erstaunen zu sehen und die Freude darüber, dass etwas in Bewegung kommt, zeigt mir, was dahintersteckt und warum ich das mache. Meine Erwartungen waren früher freier gedacht, die Realität ist deutlich konsequenter. Es braucht Disziplin, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen und sich zu hinterfragen. Aber genau das gehört dazu und macht die Arbeit ernsthaft. Jungen Künstlern würde ich raten, nicht zu schnell nach außen zu schauen. Erst die eigene Position finden, die eigene Sprache entwickeln. Nicht versuchen zu gefallen, sondern klar werden.

Haltungssache - Martha, 50x70cm

Können Sie Ihre Techniken und Ihren künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?

Am Anfang steht der Aufbau des Untergrunds. Ich mische mir Strukturen selbst an und arbeite mit vielen Schichten, die ich mit Spachtel, Rollen, Händen und auch mit einem Kuchenheber auftrage. Teilweise kommen unterschiedliche Materialien dazu, auch Goldlack. Diese erste Phase ist bewusst offen und legt ein Spannungsfeld im Bild an. Darauf reagiere ich Schritt für Schritt. Ich schaue, wo sich etwas verdichtet, wo Brüche entstehen, wo ein Übergang entsteht, der stehen bleiben kann. Das Bild entwickelt sich aus dem Material heraus, nicht aus einer Vorlage. Beeinflusst hat mich dabei weniger eine bestimmte Stilrichtung als eine Haltung im Arbeiten – etwa bei Hans Kresnik, John Cage oder auch Anselm Kiefer: Klarheit in der Ausrichtung, Offenheit im Prozess. Ein Bild kann in wenigen Tagen entstehen, bleibt aber meist mehrere Wochen im Atelier, weil ich es stehen lasse, Abstand nehme und immer wieder neu entscheide. Neue Techniken entstehen nicht geplant, sondern aus der Notwendigkeit heraus: Wenn ein Werkzeug nicht mehr reicht oder eine Oberfläche mehr Widerstand braucht, ändere ich den Zugriff und arbeite damit weiter.


Was war Ihr überraschendster Moment ihrer bisherigen Kunstkarriere?

Der überraschendste Moment war für mich meine erste Ausstellung hier im Ort. Menschen sind direkt auf mich zugekommen und haben sehr persönlich auf die Arbeiten reagiert. Eine Frau erzählte mir, dass sie von einer Figur aus meinen Bildern geträumt hat. Das hat mich überrascht, weil es zeigt, dass die Arbeiten weitergehen, über den Moment des Betrachtens hinaus. Dass sie nicht nur gesehen werden, sondern in den Erfahrungsraum der Menschen übergehen. Das war für mich ein sehr klarer Moment: dass Kunst nicht bei mir endet, sondern beim Gegenüber beginnt zu wirken. Es hat mich bestärkt, genauso weiterzuarbeiten – offen genug, dass etwas Eigenes entstehen kann, aber klar genug, dass es präsent bleibt.

Standhaft - ROST, 60x60cm

Welche Anschauung haben Sie auf unsere Welt und ihre Gesellschaft?

Ich erlebe unsere Gesellschaft als stark beschleunigt. Dinge folgen direkt aufeinander – kaum ist etwas vorbei, beginnt schon das Nächste. Gleichzeitig werden die To-do-Listen immer länger und die Not-to-do-Listen immer kürzer.
Es bleibt wenig Zeit, wirklich wahrzunehmen, was gerade ist. Wir reagieren, bevor wir spüren, und entscheiden, bevor wir bei uns selbst sind. Genau darin liegt die Schwierigkeit: Haltung zu bewahren und selbstbestimmt zu bleiben.
Mich interessiert der Moment, in dem man innehält, sich ausrichtet und bewusst entscheidet. Für mich liegt darin eine andere Qualität – für das eigene Leben und für den Umgang miteinander.

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Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?

Am meisten Freude macht mir der Aufbau der Hintergründe und die Arbeit mit Schichtungen. In dieser Phase ist noch nichts festgelegt, und genau darin liegt die Freiheit. Ich arbeite mit selbst angemischten Strukturen, trage Schicht auf Schicht auf, überlagere, nehme wieder weg. Es entsteht ein Spannungsfeld, aus dem sich das Bild später entwickelt. Besonders interessant ist für mich der Moment, in dem etwas sichtbar wird, das ich nicht geplant habe, und ich darauf reagieren muss. Was ich niemals auslasse, ist genau dieses Wechselspiel: setzen, wahrnehmen, reagieren. Und das Innehalten zwischendurch, um zu prüfen, ob das, was entstanden ist, wirklich eine Richtung hat oder nur Gewohnheit ist.

Standhaft - AURUM, 60x70cm

Was sind Ihre nächsten Projekte, Ideen und Ausstellungen. Wo kann man Sie und Ihre Kunst zeitnah sehen?

Im Moment bin ich mit einer Ausstellung in Worpswede präsent, unter dem Titel „Erst fühlen, dann urteilen – Bildräume für innere Ausrichtung“. Parallel dazu gibt es konkrete Anfragen für weitere Ausstellungen. Aktuell arbeite ich an neuen Werkserien, in denen ich die Schichtungen und Strukturen noch stärker verdichte und die Spannung zwischen Klarheit und Ungewissheit präziser herausarbeite. Inhaltlich richtet sich mein Blick dabei bewusst nach Norden und Süden – in Räume, die für Weite und Präsenz stehen oder für Ausrichtung und körperliche Spannung. Diese Gegensätze möchte ich stärker in meine Arbeit und auch in zukünftige Ausstellungsorte einbeziehen. Ein wichtiger Schritt war zuletzt auch ein Fotoshooting mit dem Fotografen Hauke Dressler, um meine Arbeit und meinen Prozess klarer und sichtbar zu machen – auch daran arbeite ich weiter.

Fotos: Hauke Dressler

Weitere Informationen über die Künstlerin unter:

www.domonsees.de

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