Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?
Es gab keinen klaren Moment, in dem ich entschieden habe, Künstler zu werden. Es hat sich eher über die Zeit gezeigt, dass ich über Bilder Dinge ausdrücken kann, die sich anders schwer greifen lassen. Je mehr ich gemalt habe, desto klarer wurde, dass das kein Nebenweg ist, sondern der zentrale Zugang für mich. Rückblickend war es weniger eine bewusste Entscheidung als ein Prozess - ein langsames Hineinwachsen in diese Form des Arbeitens.
Welcher ist Ihr noch lebender, Lieblingskünstler?
Ein Künstler, dessen Arbeit ich besonders faszinierend finde, ist Gerhard Richter. Mich interessiert an seiner Arbeit vor allem das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen Präzision und Auflösung. Diese Offenheit und Bereitschaft, Widersprüche stehen zu lassen, empfinde ich als besonders relevant. Was mich generell an lebenden Künstlern inspiriert, ist weniger ein bestimmter Stil als die Fähigkeit, Komplexität sichtbar zu machen, ohne sie zu vereinfachen.
Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit beim Betrachter hervorrufen?
Ich möchte keine eindeutige Reaktion hervorrufen, sondern einen Raum öffnen. Meine Arbeiten sollen nicht sofort erklärbar sein, sondern etwas in Bewegung setzen - ein Innehalten, ein Nachdenken. Mich fasziniert dieser Moment, in dem etwas nicht eindeutig ist und der Blick länger bleibt. Wenn Betrachter anfangen, eigene Erfahrungen oder Fragen in die Arbeit hineinzulegen, dann entsteht genau das, was mich interessiert: eine persönliche Auseinandersetzung, die offen bleibt.

Was ist die interessanteste Interpretation, die Sie von Ihrer Arbeit gehört haben?
Eine der interessantesten Interpretationen war, dass jemand meine Arbeiten nicht als Ausdruck von Wachstum, sondern als Versuch gelesen hat, Kontrolle zurückzugewinnen - als würde die Linie gegen das Unklare “anarbeiten”. Das hat mich überrascht, weil ich meine Werke eher als Offenlassen verstehe. Gleichzeitig war genau das spannend: dass dieselbe Spannung zwischen Kontrolle und Loslassen auch als Widerstand gelesen werden kann. Solche Perspektiven zeigen mir, dass die Arbeiten nicht festgelegt sind, sondern unterschiedliche Erfahrungen spiegeln können - und genau das interessiert mich.
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeiten?
Meine Arbeiten gehen nicht von konkreten Motiven aus, sondern von Erfahrungen und Zuständen aus dem wirklichen Leben. Ich beobachte viel - Situationen, Spannungen, innere Prozesse - und übersetze diese nicht direkt, sondern in eine abstrakte Bildsprache. Es geht mir weniger um Abbild, sondern um Verdichtung. Die Arbeiten entstehen aus der Realität heraus und lösen sich dann bewusst von ihr.
Was ist das Beste daran Künstler zu sein?
Das Beste daran ist, dass ich einen Raum habe, in dem ich nicht auf Eindeutigkeit angewiesen bin. Ich kann Prozesse offen lassen, Dinge ausprobieren, verwerfen und neu ansetzen, ohne sofort zu einem Ergebnis kommen zu müssen. Diese Freiheit, im Unfertigen zu arbeiten, ist für mich zentral. Gleichzeitig ist es die Möglichkeit, etwas sichtbar zu machen, das sonst oft unausgesprochen bleibt.

Können Sie Ihre Techniken und Ihren künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?
Meine Technik ist prozessbasiert und offen angelegt. Ich arbeite in Schichten, in denen sich kontrollierte Setzungen und intuitive Eingriffe überlagern. Linien spielen dabei eine zentrale Rolle - sie sind nie nur formgebend, sondern tragen Bewegung, Entscheidung und Bruch in sich. Ich kombiniere präzise, gesetzte Elemente mit spontanen, teilweise unvorhersehbaren Eingriffen. So entsteht eine Spannung zwischen Kontrolle und Loslassen, die sich durch die gesamte Arbeit zieht. Wichtig ist mir, den Prozess sichtbar zu lassen - nicht alles zu glätten, sondern Spuren, Überlagerungen und Unvollkommenheit bewusst stehen zu lassen.
Was war Ihr überraschendster Moment ihrer bisherigen Kunstkarriere?
Der überraschendste Moment war für mich, zu erkennen, dass meine Arbeit auch außerhalb meines eigenen inneren Kontextes funktioniert. Wenn etwas, das aus sehr persönlichen Prozessen entsteht, plötzlich bei anderen Resonanz auslöst oder in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen verstanden wird, verändert das den Blick auf die eigene Arbeit. Dieser Perspektivwechsel war prägend - weil er mir gezeigt hat, dass Kunst nicht nur Ausdruck ist, sondern auch Verbindung.
Welche Anschauung haben Sie auf unsere Welt und ihre Gesellschaft?
Ich sehe unsere Gesellschaft als ein System im permanenten Spannungszustand - zwischen Fortschritt und Überforderung, Vernetzung und Entfremdung, Kontrolle und Kontrollverlust. Wir leben in einer Zeit mit enormen Möglichkeiten, aber auch mit einem starken Druck zur Eindeutigkeit und Selbstoptimierung. Vieles soll messbar, effizient und klar sein, obwohl die Realität oft genau das Gegenteil ist: komplex, widersprüchlich und nicht vollständig steuerbar. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Räume offenzuhalten - für Zweifel, Reibung und neue Perspektiven. Denn Zukunft entsteht für mich nicht durch absolute Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, mit Unsicherheiten bewusst umzugehen.

Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?
Am meisten schätze ich die Phase, in der noch nichts festgelegt ist. Der Moment, in dem Möglichkeiten offen sind, in dem ich reagieren statt kontrollieren kann. Wenn sich im Prozess etwas verschiebt, neu ordnet oder unerwartet entsteht, wird die Arbeit lebendig. Diese Offenheit ist für mich der entscheidende Teil - weil sie Raum lässt für Entwicklung, statt sie vorwegzunehmen.
Was sind Ihre nächsten Projekte, Ideen und Ausstellungen. Wo kann man Sie und Ihre Kunst zeitnah sehen?
Aktuell liegt mein Fokus auf dem Ausbau von Kooperationen mit Weingütern, bei denen ich meine künstlerische Arbeit in die Gestaltung von Weinetiketten und visuelle Konzepte einbringe. Mich interessiert daran besonders die Verbindung von Reifung als natürlichen Prozess und persönliche Entwicklung als inhaltliche Ebene. Parallel arbeite ich daran, meine Serie “Reifung” weiter auszubauen und neue Kontexte zu schaffen, in denen die Arbeiten nicht nur ausgestellt, sondern in alltägliche Erfahrungsräume eingebunden werden. Zeitnah wird meine Arbeit daher vor allem im Rahmen dieser Kooperationen sichtbar werden - in ersten gemeinsamen Projekten, Editionen und Präsentationen rund um Wein, Gestaltung und künstlerisches Storytelling. Weitere Ausstellungen und neue Formate befinden sich aktuell im Aufbau.
Weitere Informationen zur Künstlerin unter:
www.uschiwoeppel.de

























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