Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?
Eigentlich gab es nicht den einen Moment, an dem ich beschlossen habe, Künstlerin zu werden. Kunst war einfach immer ein Teil meines Lebens. Schon als Kind haben mich Farben fasziniert. Ich weiß noch, wie ich als Fünf- oder Sechsjährige beim Streichen unseres Kinderzimmers helfen durfte. Mit der Farbrolle strich ich dieses kräftige Himbeerrosa auf die weiße Wand. Ich kann bis heute kaum beschreiben, was in diesem Moment passiert ist. Aber ich habe gespürt, dass Farben etwas mit uns machen. Dass sie etwas in uns bewegen können. Dieses Gefühl hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Mit Anfang 20 habe ich angefangen, Bilder für Freunde zu malen, meistens zu Geburtstagen. Wirklich wichtig wurde die Kunst aber erst später. Während einer längeren Krankheitsphase habe ich fast täglich gemalt. Das Malen hat mir geholfen, wieder bei mir selbst anzukommen und vieles zu verarbeiten. In dieser Zeit ist meine Serie Blaupause entstanden. Gleichzeitig habe ich dort auch meine eigene Bildsprache gefunden. Ich habe aufgehört, danach zu suchen, wie ein Bild aussehen sollte, und angefangen, meiner Intuition zu vertrauen. Von da an hat sich vieles ganz natürlich entwickelt. Es folgten Ausstellungen, Begegnungen mit anderen Künstlern und immer mehr Menschen, die sich von meiner Kunst berühren ließen. Irgendwann wurde mir bewusst, dass meine Bilder nicht nur für mich selbst eine Bedeutung haben, sondern auch andere Menschen erreichen. Heute weiß ich, dass Kunst nicht nur ein Teil meines Lebens ist – Kunst hält mich lebendig.
Welcher ist Ihr noch lebender Lieblingskünstler?
Einen wirklichen Lieblingskünstler habe ich tatsächlich nicht. Allerdings finde ich Gerhard Richter beeindruckend, sowohl durch seine Kunst als auch durch seinen Weg. Ansonsten schaue ich mir gar nicht so viel Kunst von anderen an. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass ich schnell anfange, mich zu vergleichen, und das tut mir persönlich nicht gut. Deshalb konzentriere ich mich lieber auf meinen eigenen Weg und darauf, meine eigene Handschrift weiterzuentwickeln. Meine größte Inspiration finde ich ohnehin im Leben selbst, in Menschen, Begegnungen, Erfahrungen und in der Natur.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit beim Betrachter hervorrufen?
Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten Menschen wieder mit sich selbst verbinden. Nicht über große Botschaften oder Erklärungen, sondern auf eine stille und indirekte Weise. Viele Menschen funktionieren heute mehr, als dass sie wirklich fühlen. Meine Kunst möchte einen Raum schaffen, in dem man für einen Moment innehalten, durchatmen und sich selbst wieder begegnen kann. Wenn ein Bild jemanden berührt, ihn spiegelt oder an etwas erinnert, das in ihm längst vorhanden ist, dann hat es seinen Zweck erfüllt.
Was ist die interessanteste Interpretation, die Sie von Ihrer Arbeit gehört haben?
Mich fasziniert jedes Mal, wie unterschiedlich Menschen dieselben Werke wahrnehmen. Manche sehen Figuren, andere Landschaften, Erinnerungen oder ganz bestimmte Stimmungen. Oft erzählen mir Menschen Dinge über ein Bild, die ich selbst nie darin gesehen habe. Genau das liebe ich an Kunst: Jeder bringt seine eigene Geschichte mit und entdeckt etwas anderes.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeiten?
Meine größte Inspiration ist das Leben selbst. Begegnungen, persönliche Erfahrungen, Emotionen, Veränderungen und die Fragen, die das Leben manchmal an uns stellt. Dazu kommen Farben, Lichtstimmungen und die Natur. Oft entsteht ein Bild aus einem Gefühl heraus, lange bevor daraus ein Gedanke wird. Viele meiner Arbeiten entwickeln sich aus der Intuition und aus dem Vertrauen, dass sich der nächste Schritt im Prozess zeigen wird.
Was ist das Beste daran Künstler zu sein?
Die Freiheit. Die Freiheit, etwas sichtbar zu machen, das vorher unsichtbar war. Die Freiheit, Regeln loszulassen, Dingen ihren eigenen Raum zu geben und die Möglichkeit, Emotionen über Farben und Formen zu wandeln. Oft auf einer Ebene, die Worte gar nicht erfassen können.

Können Sie Ihre Techniken und Ihren künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?
Ich arbeite überwiegend mit Acryl auf Leinwand und habe mir meine Technik über viele Jahre selbst beigebracht. Vieles ist durch Ausprobieren entstanden. Ich liebe es, mit Schichten, Strukturen und verschiedenen Werkzeugen zu arbeiten. Besonders gerne verwende ich metallische Farben. Ich mag, wie sie das Licht reflektieren und einem Bild noch einmal mehr Tiefe und Lebendigkeit geben. Ansonsten arbeite ich sehr intuitiv. Meist beginne ich mit einer Farbe oder einem Gefühl und lasse den Prozess entstehen. Ich habe selten einen festen Plan. Das Bild zeigt mir beim Malen selbst, wohin es sich entfalten möchte.
Was war Ihr überraschendster Moment ihrer bisherigen Kunstkarriere?
Rückblickend war der überraschendste Moment nicht eine Ausstellung oder ein Verkauf, sondern die Erkenntnis, wie eng Kunst und Leben miteinander verbunden sind. Eine schwere gesundheitliche Phase hat meine Sicht auf das Leben grundlegend verändert. Die Kunst wurde in dieser Zeit zu einem Anker und zu einem Raum, in dem Verarbeitung, Vertrauen und neue Perspektiven möglich wurden. Erst Jahre später habe ich verstanden, wie stark diese Erfahrungen meine Arbeit geprägt haben. Viele Themen, die sich heute durch meine Werke ziehen – Wandel, Licht und Schatten, Hoffnung und innere Stärke – sind aus dieser Zeit entstanden. Dass aus einer Herausforderung, die ich mir niemals ausgesucht hätte, eine solche kreative Tiefe erwachsen konnte, empfinde ich bis heute als das Überraschendste an meinem künstlerischen Weg.
Welche Anschauung haben Sie auf unsere Welt und ihre Gesellschaft?
Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen sich nach echter Verbindung sehnen – zu sich selbst und zueinander. Gleichzeitig erlebe ich unsere Welt oft als sehr schnell, laut und oberflächlich. Vieles dreht sich um Leistungen, Erwartungen und darum, zu funktionieren. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen wieder mehr bei sich selbst ankommen dürfen. Eine Gesellschaft, in der wir uns selbst mit all unseren Licht- und Schattenseiten annehmen und dadurch auch anderen mit mehr Verständnis, Mitgefühl und Offenheit begegnen können. Ich glaube, dass echter Frieden nicht im Außen beginnt, sondern in uns selbst. Vielleicht würden wir als Gesellschaft vieles anders gestalten, wenn wir wieder stärker mit uns selbst und miteinander verbunden wären.
Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?
Ich liebe die Freiheit, die beim Malen entsteht. Nichts ist endgültig. Wenn mir etwas nicht gefällt, wird es übermalt. Es entstehen oft daraus genau diese Stellen, aus denen sich später die spannendsten Bereiche eines Bildes entwickeln. Für mich bedeutet Malen, die Kontrolle loszulassen und dem Prozess zu vertrauen.

Was sind Ihre nächsten Projekte, Ideen und Ausstellungen. Wo kann man Sie und Ihre Kunst zeitnah sehen?
Im Moment arbeite ich vor allem an meiner Serie „Licht und Schatten“. Das Thema beschäftigt mich und ich spüre, dass dort noch viele Bilder entstehen möchten. Außerdem freue ich mich über neue Orte und Möglichkeiten, an denen meine Kunst Menschen erreicht und sie gesehen wird. Wer meine Arbeit verfolgen möchte, findet aktuelle Werke und Projekte auf meiner Website www.juliaklein.art und in den sozialen Medien.
Weitere Informationen über die Künstlerin unter:
www.juliaklein.art


























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