Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?
Ich wollte nie „Künstler werden“ – das Wort war für mich früher eher eine Beleidigung. Ich komme aus der 80er-Underground- und Musikszene. Wir haben nicht geredet, wir haben gemacht. Ich hatte einfach Bock, Farbe, Text und Wut auf die Leinwand zu klatschen, ohne Kompromisse und ohne Masterplan. Die akademische Kunstszene war mir viel zu glatt und selbstverliebt. Meine Akademie war der Atelierraum, das radikale Ausprobieren und das bewusste Risiko zu scheitern.
Welcher ist Ihr – noch lebender – Lieblingskünstler?
Mich fasziniert die Arbeit des britischen Künstlers Antony Micallef. Er schafft eine unglaubliche Balance zwischen Street Couture und tiefen, existenziellen Fragen. Seine Werke haben eine enorme physische Präsenz und Haptik. Man spürt die Energie, seinen Kampf mit dem Material. Das unterscheidet ihn von vielen zeitgenössischen Künstlern, deren Arbeiten oft sehr clean oder zu konzeptionell sind. Seine emotionale Wucht und die dicke, rohe Textur inspirieren mich stark für meinen eigenen Prozess, bei dem das Physische und die Materialität eine tragende Rolle spielen.
Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit beim Betrachter hervorrufen?
Meine Kunst soll keine dekorative Beruhigung sein, sondern ein visueller Widerstand. Ich will die Leute aus der Komfortzone der täglichen, digitalen Bilderflut rausholen, sie sollen diese Ambivalenz spüren. Kürzlich stand ein Betrachter vor einem meiner großformatigen Porträts – RUMOR – und meinte nur: „Wow, das ist Punk Rock.“ Er fand, dass das Bild gleichzeitig eine enorme Verletzlichkeit und eine radikale, aggressive Stärke ausstrahle. Genau diese Reibung suche ich. Meine Bilder sollen Fragen aufwerfen, statt fertige Antworten zu liefern.

Was ist die interessanteste Interpretation, die Sie von Ihrer Arbeit gehört haben?
Ein Sammler meinte mal: „Deine Bilder sehen aus wie eine alte Abrisswand in Berlin.“ Er fand, dass mein Prozess aus Dekonstruktion und Überarbeitung genau so funktioniert wie die alten Plakatwände draußen in der Stadt. Und er hat absolut recht. Ich schichte auf, knalle Siebdrucke drauf, kratze wieder alles herunter, übermale es. Man sieht Fragmente, Ikonen, alte Schriften – abgerissen und neu zusammengesetzt. Ich lasse Lücken. Ganz bewusst. Ein gutes Bild liefert keine Erklärung, sondern lässt Raum für die eigene Interpretation.
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeiten?
Aus den Widersprüchen unserer Gesellschaft – aus dem Spannungsfeld zwischen dem Puls der Gegenwart und philosophischen Fragen, zwischen Rebellion und Poesie. Und immer noch vor allem aus der Indie-Musik und ihrer lauten, emotionalen Energie. Das war schon immer ein Ventil für gesellschaftliche Verwerfungen. Oft fängt ein Bild spontan damit an, dass ich Songtexte mit Kreide auf die Leinwand haue. Daraus entwickelt sich dann ein visueller Soundtrack für die offenen Themen unserer Gesellschaft. Ich suche diese Dissonanzen – das Aufeinanderprallen von Konsum, Reizüberflutung und der Suche nach Identität in einer zerrissenen Welt.
Was ist das Beste daran, Künstler zu sein?
Die absolute Freiheit. Im Atelier kann ich ohne Regeln experimentieren und das Unperfekte feiern. Und dann wieder mit Techniken wie dem Siebdruck arbeiten, die absolute Präzision und Konzentration erfordern. Da ist dieser ständige Zwiespalt: Einerseits will ich neue Dinge austesten, andererseits muss das Ergebnis am Ende auf dem Markt vor Sammlern und Betrachtern bedingungslos bestehen. Ein permanentes Risiko. Aber wenn ich das direkte Feedback bekomme und merke, dass es funktioniert – dann macht mich das glücklich.

Können Sie Ihre Techniken und Ihren künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?
Ich bewege mich irgendwo zwischen expressiver, malerischer Geste und typografischer Intervention, zwischen konzeptioneller Struktur und geplantem Zufall. Meine Werke entstehen schichtweise mit Acryl, Pigmenten, Sand, zerrissenen Plakaten oder LP-Covern kombiniert mit Siebdruck. Zwischen den Arbeitsschritten lasse ich Leinwände oft wochenlang ruhen, um sie später weiterzubearbeiten. Wenn ich das Gefühl habe, ein Bild wird zu gefällig, fange ich an, es radikal zu übermalen oder zu zerstören. Aus diesem kontrollierten Chaos entsteht etwas Neues. Genau deshalb bewahren viele meiner Arbeiten ganz bewusst einen Zustand des Unperfekten. Das ist kein Mangel, sondern das zentrale Prinzip meiner Kunst.
Was war der überraschendste Moment Ihrer bisherigen Kunstkarriere?
Als eine Besucherin bei einem Atelierrundgang direkt ein Bild kaufen wollte, das ich gerade erst zerlegt und wieder halb übermalt hatte. Das hat mich überrascht, weil sie gar nicht meinem typischen Sammler-Raster entsprach. Ich dachte lange, meine Arbeiten würden nur eine spezifische, urbane Subkultur ansprechen. Heute sehe ich auf Ausstellungen, dass die unterschiedlichsten Generationen anspringen. Gerade in einer Welt mit immer mehr KI-Inhalten und maximal reduzierten Aufmerksamkeitsspannen gibt es ein massives Bedürfnis nach dem Analogen – nach Dingen, die Ecken und Kanten haben.

Welche Anschauung haben Sie auf unsere Welt und ihre Gesellschaft?
Wir werden täglich mit Widersprüchen, Reizüberflutung und Mehrdeutigkeiten konfrontiert, in denen wir uns orientieren müssen. Meine Kunst spiegelt diese Zerrissenheit wider – ich will den Status quo herausfordern. Durch die Kombination von Wort, Bild und roher Textur will ich nicht mit dem Zeigefinger belehren, sondern den Finger in die Wunde legen, Sehgewohnheiten aufbrechen und den Blickwinkel verschieben: Was ist die Oberfläche und was liegt wirklich darunter?
Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?
Das Zusammenspiel von Text und Bild auszutarieren. Worte und Buchstaben sind für mich keine reinen Informationsträger, sondern visuelle Statements. Es ist letztlich eine Frage der Dominanz: Wie viel Raum nimmt das Malerische ein und welche Rolle hat die Typografie? Ein Wort kann eine Komposition komplett überlagern – oder ihr im genau richtigen Moment den entscheidenden Kick geben. Diese Balance zu finden, macht jedes Werk zu einem neuen Experiment mit offenem Ausgang.

Was sind Ihre nächsten Projekte, Ideen und Ausstellungen? Wo kann man Sie zeitnah sehen?
Gerade bringen wir die exklusive Art Edition mit der Destillerie MOORGIN an den Start. Wir haben nicht einfach nur ein Label gestaltet, sondern einen eigenen, intensiveren Flavour (45 % Vol.) angemischt – dazu gibt es großformatige Artworks und limitierte Siebdrucke mit einem Motiv aus meiner Serie THE SIRENS. Mir ist es wichtig, Kunst aus dem klassischen Kontext herauszuholen. Deshalb gehen wir in Concept Stores, Raw Spaces, Bars und an Orte, an denen Kunst überrascht. Alle aktuellen Drops und Termine gibt’s auf www.steidinger.net oder direkt auf Insta unter @georgsteidinger.
Weitere Informationen über Georg Steidinger unter:
www.steidinger.net



























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